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Fernverkehrszuschlag schlägt Wellen Regeln ab Mai 2013, Entwicklungen und Hintergründe im Tarifbereich

Seit dem 15. Mai 2013 erheben MÁV-Start und GYSEV Raaberbahn im inländischen Fernverkehr generell einen Zuschlag wie bisher nur für InterCity-Verkehre. Hier finden Sie sämtliche Tarif- und Hintergrundinformationen zu den Änderungen.

Die wichtigsten Tarifregeln und Ermäßigungen | Tabelle der Zuschläge (linke Spalte der Fernverkehrs-Zuschlag ohne Sitzplatzreservierung)

Ab Februar sickerte in Ungarn branchenintern durch: Im Ministerium wird die Einführung eines generellen Zuschlags auf Fernverkehre angedacht, nachdem sich die Politik doch nicht zur angekündigten umfassenden Tarifreform durchringen konnte und deshalb weiterhin zu viele Reisende stark ermäßigt oder gratis unterwegs sind. Eine allgemeine Preiserhöhung ist vor den Parlamentswahlen politisch tabu, zumal die Regierungspartei gerade mit verringerten Ausgaben für die Bevölkerung der weiteren Erodierung ihrer Wählerbasis vorbeugen möchte. Doch ist es trotz formell ausgeglichener Ergebnisse nicht gut um die Liquidität der Verkehrsunternehmen bestellt, nicht zuletzt aufgrund verspäteter Zahlungsleistungen seitens des Staatshaushalts. Im Hintergrund wehrten sich die Eisenbahner trotzdem mit Händen und Füßen gegen die Zuschlagspläne.

Die Hauptkritikpunkte:

Im Vorfeld war ein Zuschlag für Fernbusse in zwei Stufen (erst einige, dann etliche Kurse) eingeführt worden, u.a. mit dem Argument, den Preisvorteil zu den teureren InterCitys auszugleichen. Zudem wurde ein „Versuchsballon“ lanciert: Bereits zur 1. Fahrplanmodifikation im April 2013 wurde für einige der bisher zuschlagsfreien internationalen IC-s und Schnellzüge im Inlandsverkehr ein Zuschlag eingeführt. Außerdem muss seit dem Fahrplanwechsel Dezember 2012 im Inlandsverkehr verpflichtend eine Platzkarte für RailJet und einige weiter internationale IC Züge gelöst werden, für die früher nur ein Zuschlag ohne Platzreservierung gekauft werden musste.
In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai wurde dann die Einführung des Zuschlages für konventionelle Fernverkehrszüge offiziell angekündigt, mit Wirkung ab 15. Mai – genau 2 Wochen später, da es sich laut offizieller Erklärung um keine Tarifänderung handle, die mindestens 1 Monat im Voraus angekündigt werden müsste, lediglich der Status bestimmter Züge ändere sich. Eine Woche danach forderten nicht nur Oppositionelle, sondern auch prominente Persönlichkeiten des Regierungslagers eine Rücknahme oder Änderung. Trotzdem gilt der neue Tarif seit dem 15. Mai. Allerdings rangen Politiker bzw. der öffentliche Aufschrei dem Ministerium Zugeständnisse ab, umso mehr artete die Neuerung zu einem Tarifchaos aus. Bis Ende Juli geben Zugbegleiter ohne weitere Sanktionen Zuschlagskarten im Zug aus, erst danach werden bei Nichtbeachtung der neuen Reisebedingungen Strafen eingehoben.

Die Neuerungen im Detail:

+ Neuer Zuschlag auf die meisten Fernverkehrszüge (Schnell-, Express- und Eilzüge), betroffen sind vor allem über 100 km lange Direktverbindungen meist von und nach Budapest, die mehrere Komitate durchfahren. Anders als beim IC, wo der Zuschlag in die verpflichtende Platzkarte eingebaut ist, wird der Zuschlag („pótjegy“) in der Regel auf dem Basisticket vermerkt und in dessen Preis inkludiert. Eine Platzreservierung ist nicht möglich, insofern gilt auch keine Zugbindung. Der entfernungsabhängige Zuschlag wird in Kilometerstufen teurer, wie kürzlich auch für die IC-Zuschläge eingeführt.
+ Somit gilt für den gesamten Fernverkehr derselbe Zuschlagstarif. Allerdings gilt im IC-Segment der Basispreis nur im Vorverkauf; für den Kauf am Geltungstag und für die wöchentlichen Verkehrsspitzen wurden Preisaufschläge eingeführt, außerdem kommt der Preis der verpflichtenden Platzkarte dazu. Auch Inhaber von Zeitkarten und MÁV-START Klub „Bonusz“ und „Start“ Karten müssen wie bisher IC-Zuschläge kaufen, nur „VIP“ und „Prémium“ Karteninhaber sind also von sämtlichen Zuschlägen befreit. Unverändert groß ist der Niveauunterschied zwischen InterCity und konventionellen Fernverkehrszügen.
+ Die Zuschlagsregelung gilt auch für Reisende über 65 und unter 6 Jahren, die ansonsten gratis fahren, so sie EU-Staatsbürger sind. Für sie wurde kurzfristig eine „Zuschlags-Zeitkarte“ eingeführt: Bei Bezahlung von 1500 HUF erhalten diese Fahrgäste eine Monats-Zuschlagskarte, mit der sie 30 Tage lang wie bisher alle Züge außer EC/IC-Verkehre gratis nutzen können. Diese ist vorerst nur als händisch ausgestellter Schein erhältlich.
+ Bahncard- und Zeitkarteninhaber sind nicht zuschlagspflichtig. Auch Inhaber einer „Balaton mix“ Karte zahlen keinen Zuschlag, allerdings nur an den Geltungstagen und auf den Plattensee-Uferbahnen, für die 50% ermäßigte Anfahrt gilt die Ausnahme allerdings nicht, ebenso wenig wie für die Ermäßigungen der Hungary Card.
+ Die Zuschlagsregelung gilt auch im Stadtverkehr Budapest für Inhaber von BKK-Zeitkarten. Einpendler, die Fernverkehrszüge verwenden, können diese innerhalb der Stadtgrenze mit der BKK-Monatskarte nutzen, indem sie eine Monats-Zuschlagskarte zum Preis von 6000 HUF kaufen, oder (wie früher) die Zeitkarte bis zum Zielbahnhof in der Innenstadt und nicht nur bis zur Stadtgrenze lösen. Dies erspart wenigstens den täglichen Zukauf der Zuschlagskarte. Im Juni wurde bekannt, dass Start Klub-Karteninhaber (ca. wie Bahncard 50 / Vorteilscard) in Zukunft innerhalb von Budapest kostenlos und zuschlagsfrei Zug fahren können, was für etliche Schnellzugs-Einpendler das Zuschlagsproblem löst und einen starken Anreiz zum Kartenkauf darstellt.
+ Der internationale Reisezugverkehr ist grundsätzlich von der Tarifneuerung nicht betroffen, wer Fernverkehrszüge mit einem internationalen Fahrschein nutzt, muss keine Zuschlagskarte lösen. Dies gilt auch für Interrail-Tickets.
+ Vermeintlich im Gegenzug zum Zuschlag werden die Fahrkarten auf 15 Nebenstrecken um 15% billiger. Die Liste der vergünstigten Zugläufe enthält ausgedünnte, schwächelnde Linien großteils mit nur 2 Zugpaaren pro Tag, das betroffene Fahrgastaufkommen steht insofern in keiner Relation zu den Fernverkehrszügen von und nach Budapest. Für Reisen über die ermäßigten Strecken hinaus gilt die Ermäßigung praktisch nicht. (Man kann entweder ein Ticket zum Normalpreis für die gesamte Strecke lösen oder zwei Tickets, ein ermäßigtes und ein Anschlussticket zum Normalpreis. Der Unterschied ist minimal, da zwei Fahrscheine für kürzere Strecken teurer sind als einer für eine längere Strecke.) Karte und Liste der ermäßigten Strecken, derzeit ist die Ermäßigung nur am Zug und an den (wenigen verbliebenen) Fahrkartenschaltern der betroffenen Strecken erhältlich; auch der Online-Fahrplan weist den ermäßigten Betrag nicht aus.
+ Außerdem wird eine 3% Ermäßigung für Internet-Tickets eingeführt. Dies will die Bahn seit Längerem und wurde bisher vom Ministerium blockiert.

Die Entwicklung in Ungarn läuft also auf ein schwer nachzuvollziehendes Tarifsystem hinaus. In der Region hat am ehesten Rumänien einen ähnlich komplexen Tarif. In der Slowakei wählte man den Weg, im Rahmen der Verteuerung einen Rabatt auf Kurzstrecken zu gewähren. In Ungarn wurden gerade mit Fernzügen zurückgelegte Kurzstrecken empfindlich teurer. Im Gegenzug dürfte es vor den Wahlen im nächsten Frühjahr keine allgemeine Tariferhöhung geben. Allerdings hatten die Vorgängerregierungen drastische Verteuerungen vorgenommen (insgesamt 140%), deren negative Auswirkungen erst die steigenden Benzinpreise teilweise wieder gutmachten. Seit dem Regierungswechsel kam die Verteuerung durch die Hintertür in Raten, ohne den Nettopreis des Basistickets anzuheben:
1. 2% höhere Umsatzsteuer auf Fahrscheine.
2. Abschaffung der niedrigsten Tarifstufe (5 km).
3. Einführung der Kilometerstufen für IC-Zuschläge.
4. Einführung von Preisaufschlägen für am Geltungstag bzw. für die Wochenspitzen gelöste IC-Zuschläge.
5. Abschaffung der Platzkarten- bzw. Zuschlagsfreiheit einiger internationaler IC-s und Schnellzüge.
6. Abschaffung der meisten Ermäßigungen aufgrund „virtueller Kilometer“ für Verbindungen, wo die Bahntrasse länger als die Straßenverbindung ist (Bahn nun auf diesen Strecken teurer als Busse - außer wo seit Juni auch die 15% Ermäßigung gilt).
7. Infolge der Streckenübernahme durch GYSEV Raaberbahn Verteuerung von Fahrten aus dem übernommenen Bereich u.a. Richtung Budapest, da die Strecken in einen MÁV-START und einen GYSEV-Abschnitt gebrochen werden und zwei kürzere Strecken teurer sind als eine längere.
8. Einführung des generellen Zuschlages für Schienenfernverbindungen mit Ausnahme von vier Streckenabschnitten.

In der Folge kostet die Fahrt zwischen zwei 5km entfernten Bahnhöfen nun mindestens 400 HUF statt wie bisher 180 HUF. Bei Fahrten über die MÁV-GYSEV Grenze wurde eingangs auch der Zuschlag doppelt verrechnet. Letzteres wurde mittlerweile abgestellt, kann aber vom Personal mangels entsprechender Vorbereitung der Systeme vorerst nur händisch korrigiert werden. Aufgrund des derart modifizierten Tarifsystems lässt sich nun der Preis von Fahrkarten für längere Bahnreisen mit mehreren Umstiegen selbst mit Hilfe des Internets nicht immer einwandfrei ermitteln. Bei zwangsläufigen oder spontanen Änderungen wie versäumte Anschlüsse oder Fahrtunterbrechungen muss ein Zuschlag nachgelöst werden, falls ursprünglich ein Personenzug folgte, der nächste Zug aber ein Fernverkehrszug ist; umgekehrt verfällt der Zuschlag. Unkundige Gelegenheistreisende, darunter Ausländer können leicht ahnungslos in einen zuschlagspflichtigen Zug einsteigen, das undurchsichtige Tarifsystem erschwert die Kommunikation am Schalter und die Orientierung bei Umstiegen enorm.
Vier Ausnahmen wurden gemacht für Strecken, wo Schnellzüge wie Personenzüge verkehren (Nyíregyháza–Záhony, Püspökladány–Biharkeresztes, Békéscsaba–Lőkösháza und Balaton Nordufer), außerdem blieben gewisse Schnellzüge aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Überlegungen zuschlagsfrei; man kann sich also auch nicht darauf verlassen, dass als Schnell- und Eilzüge (gyors, sebes) ausgewiesene Züge generell zuschlagspflichtig sind. Es gibt freilich etliche ähnlich gelagerte Streckenabschnitte, für die keine Ausnahme gilt. Für letztere reklamierten verschiedene Politiker, Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen zwar Ausnahmen, jedoch wurden keine weiteren Zugeständnisse mehr erteilt, insbesondere auch nicht für vertaktete Strecken mit alternierenden Verkehren (eine Stunde Personenzug, die nächste Stunde Schnell- oder Eilzug), wo somit die identische oder fast identische Leistung abwechselnd zuschlagspflichtig oder nicht, je nachdem, ob der Zug weiter nach Budapest verkehrt oder als Personenzug nur bis zum nächsten Knoten. Das Ministerium betont die „Mehrleistung“ der umsteigefreien Verkehre in die Hauptstadt, wobei die Fahrgäste im Regionalverkehr zwar Zuschlag entrichten, aber nicht in den Genuss der „Mehrleistung“ kommen, da sie nicht über den Umsteigeknoten hinaus reisen. Neben der nicht geringen Verwirrung im Kreis ausländischer und sonstiger Gelegenheitsreisenden ist dieser Umstand eines der Hauptärgernisse, da er den Stundentakt ad absurdum führt. Im Vorstadtbereich der Großstädte werden Fernverkehrszüge intensiv von Pendlern genutzt. Kommen im Nahverkehr Flirt-Garnituren zum Einsatz, sind bei fast identischen Reisezeiten die nicht zuschlagspflichtigen Züge deutlich komfortabler als die teureren Fernzüge. Der Aufgabenträger will vorerst nichts daran zu ändern, abgesehen vom erwähnten zweijährigen Programm zur „Retro-Erneuerung“ von 300 Waggons im Stil der 1970-er und auf dem technischen Niveau der 1980-er Jahre.
Aufgrund des beträchtlichen Medienechos wussten die meisten Reisenden am Mittwoch den 15. Mai grundsätzlich Bescheid, obwohl noch Wochen nach der Einführung viele Unsicherheiten bestehen: Etliche Details wurden in den Medien falsch kolportiert oder schon in den Bahn-Kommuniqués umständlich und missverständlich kommuniziert, das Bahnpersonal hat einen schweren Stand und die Zugbegleiter sollen demnächst eine Neufassung der genauen Regeln bekommen. Die Unzufriedenheit und Unsicherheit ist unverändert groß. Zugbegleiter, Schalterbeamte und Mitarbeiter der Reiseinformation müssen laufend einschlägige Fragen beantworten; wer regelmäßig unterwegs ist, hört Tag für Tag diverse Bemerkungen von Mitreisenden. Trotz der zwielichtigen, teils widersprüchlichen und unsachgemäßen Kommunikation seitens des Ministeriums ist sich eine Mehrheit der Reisenden darüber im Klaren, woher der Wind weht: Diese Regelung wurde der Bahn aufgezwängt, um in der Vorwahlzeit ohne allgemeine Tariferhöhung Mehreinnahmen zu erzielen. Die nach dem Regierungswechsel angekündigte Reform der Ermäßigungen (darunter Abschaffung der Freifahrt über 65) wurde einmal mehr verschleppt.